19 Sep

QuerGedacht: Gefühlte Sicherheit?

„Kölle du bes e Jeföhl“, sangen die Höhner schon 1992. Das werden vor allem die Besucher Kölns in der Silvesternacht des Jahres 2015 bestätigen – den zahlreichen Berichten zufolge war das vorherrschende Gefühl doch mehrheitlich kein gutes. Es kam zu Übergriffen, die nur teilweise aufgeklärt werden konnten. Daraufhin hatte die Stadt Köln die Videoüberwachung der Domplatte massiv ausgeweitet und neue, hochauflösende Kameras installiert. Doch die Aufnahmen sind oft nicht verwertbar – zu unscharf, etwa weil der Wind an den Masten rüttelt und die Bilder verwackelt. Dennoch wird mehr Videoüberwachung allerorten befürwortet, auch in der Bevölkerung. Man fühle sich einfach sicherer. Ist Sicherheit tatsächlich nichts weiter als eine subjektive Wahrnehmung?

Die vielzitierte „gefühlte Sicherheit“ muss immer dann herhalten, wenn sachliche Argumente fehlen beziehungsweise sie den Vorhaben der Sicherheitsbehörden im öffentlichen Raum widersprechen. Am Berliner Südkreuz wird derzeit einer der größten Feldtests mit intelligenter Gesichtserkennung im Bahnhofsgebäude durchgeführt. Das Projekt steht seit Beginn unter massiver Kritik von Datenschützern, doch es gibt auch viel Zustimmung von Pendlern und Touristen. Innenminister de Maizière lobt die Technik als „unglaublichen Sicherheitsgewinn“ und sieht diesen in einer Stärkung des Sicherheitsgefühls der Bevölkerung. In der Hoffnung, das Gefühl der Sicherheit möge das durch rechtsstaatliche Bedenken ausgelöste mulmige Gefühl überwiegen.

Für Politiker im Wahlkampf mag diese Sicht der Dinge verlockend erscheinen. Aus dem Blickwinkel eines Praktikers im Tagesgeschäft nicht. Denn ein Polizist weiß ebenso wie ein erfahrener IT-Sicherheitsverantwortlicher, dass Sicherheit eben kein Gefühl ist. Sicherheit ist ein real existenter, prüf- und messbarer Zustand eines gefährdeten Systems. Das kann ein Bahnhof sein oder ein Flughafen. Oder eben Server, Arbeitsplatzcomputer und das dazugehörige Netzwerk. Sicherheit kann gegeben sein oder auch nicht. Sicherheit gibt es in Abstufungen. Aber Sicherheit ist nicht zu riechen oder zu schmecken – und schon gar nicht zu fühlen.

Wer reale Sicherheit möchte, muss mit nachvollziehbaren Maßnahmen dafür sorgen. Und anschließend kontrollieren, ob auch wirkt, was angeschafft wurde. Besonders gut fährt, wer in vorbeugende Maßnahmen investiert. So lässt sich die Havarie verhindern, bevor das sprichwörtliche „Kind im Brunnen“ landet. Das geht selten ohne einen gewissen Einsatz an Menschen und Material. Dass sich das lohnt, erkennen immer mehr Anwender professionell genutzter IT-Infrastrukturen, die der gefühlten Sicherheit von Firewalls und Virenscannern immer weniger Bedeutung beimessen. Sie nutzen fortschrittliche Systeme, beispielsweise nach dem Prinzip des ferngesteuerten Webbrowsers und verlassen sich auf Technik, nicht auf Gefühl.

Nebenbei: Sachgerechte IT-Sicherheit und Datenschutz gehen Hand in Hand. Diese beiden grundlegenden Aspekte sind technisch und organisatorisch kaum voneinander zu trennen – und das ist gut so. So kann man sie einfach gemeinsam betrachten und spart sich eine ganze Menge Arbeit. Ein echt gutes Gefühl!